Rede anlässlich des ersten Nationalen Gedenktags für die Opfer terroristischer Gewalt - Wem gebührt unser Mitleid?

WHO DESERVES OUR SYMPATHY?  VICTIMS OF TERRORISM AND SOCIETY IN THE MODERN AGE

WEM GEBÜHRT UNSER MITLEID?  TERRORISMUSOPFER UND GESELLSCHAFT IN DER MODERNE

WHO DESERVES OUR SYMPATHY?  VICTIMS OF TERRORISM AND SOCIETY IN THE MODERN AGE

WEM GEBÜHRT UNSER MITLEID?  TERRORISMUSOPFER UND GESELLSCHAFT IN DER MODERNE

Rede anlässlich des ersten Nationalen Gedenktags für die Opfer terroristischer Gewalt

Im Februar 2022 hat das Bundeskabinett hat die Einführung eines nationalen Gedenktages für Opfer terroristischer Gewalt beschlossen. Er wird ab diesem Jahr zeitgleich mit dem Europäischen Gedenktag für die Opfer des Terrorismus am 11. März stattfinden.

Auf Einladung des Innenministeriums sprach Prof. Terhoeven im Rahmen der ersten Gedenkstunde am 11. März 2022 im Berliner Kronprinzenpalais. Aus ersten Erkenntnissen unseres Forschungsprojekts leitete Sie Thesen für den politischen Umgang mit den Überlebenden und Opferangehörigen vergangener und gegenwärtiger Terroranschläge ab.

Aufgrund der andauernden Covid19-Pandemie wurde die Veranstaltung ohne Publikum als Livestream übertragen.

Im Folgenden finden Sie das Video der Veranstaltung sowie ein Transkript der Rede.

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Rede von Prof. Dr. Petra Terhoeven Georg-August-Universität Göttingen

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Frau Bundesministerin, sehr geehrter Herr Bundesbeauftragter, liebe Zuhörer:innen,

wir denken in diesen Wochen intensiv an die Menschen, die in der Ukraine von Krieg überzogen werden. Der heutige Tag ist Menschen gewidmet, über die die Gewalt mitten im Frieden kam. Es ist ein Tag des Gedenkens an und für die Opfer terroristischer Gewalt. Ihre Stimmen kann und will ich natürlich nicht ersetzen. Schon gar nicht möchte ich mir anmaßen, für sie zu sprechen. Das wäre schon deshalb gar nicht möglich, weil die Schicksale, derer wir heute gedenken, ebenso unterschiedlich sind wie die Wege der Betroffenen, mit ihrem Verlust und ihrem jeweiligen Leid umzugehen – manche in aller Stille, andere laut und kämpferisch.
Als Historikerin, die zu den Ursachen und Folgen von Terrorismus geforscht und sich in letzter Zeit besonders mit der Geschichte der Opfer beschäftigt hat, liegt es mir fern, diese Vielfalt einebnen zu wollen. Doch möchte ich heute danach fragen, was die Erfahrungen der Opfer miteinander verbindet – jenseits aller ebenso wichtigen Unterschiede.

Terrorismus, da ist die Forschung sich einig, stellt auch und vor allem eine menschenverachtende Kommunikationsstrategie dar. Die Botschaft der Gewalt versetzt die einen in Angst und Schrecken, während sie bei den anderen Bewunderung und Unterstützungsbereitschaft auslösen soll – für die Täter wohlgemerkt. Terrorist:innen greifen ihre Opfer nicht als Individuen an, sondern weil sie einem bestimmten Feindbild entsprechen – also eine bestimmte Nationalität oder Religion haben, das verhasste „System“ verkörpern, sich als Tourist:innen zur falschen Zeit am falschen Ort befinden oder, weil ihre Haut- und Haarfarbe nicht in das Weltbild der Täter passt. Diese prinzipielle Willkür terroristischer Gewalt macht es besonders schwer, den Verlust oder die davongetragene Verletzung zu verarbeiten. Sie erklärt auch den brennenden Wunsch der Hinterbliebenen, die Individualität, das einzigartige Menschsein ihres getöteten Vaters oder Sohnes, ihrer ermordeten Schwester oder Freundin deutlich zu machen. Damit sollen ihre Lieben die menschliche Würde zurückerlangen, die ihnen durch die Tat genommen werden sollte. Diesen Wunsch symbolisieren die Fotos ihrer unverwechselbaren Gesichter, die neben Blumen und Kerzen an den Tatorten angebracht werden, um so die trostlosen Bilder von Tod und Zerstörung zu überschreiben. Und dafür steht auch die in den USA geprägte Formel „Say their names!“

Die Angehörigen der Ermordeten von Hanau haben sie übernommen und uns allen ans Herz gelegt: „Sagt ihre Namen!“

Das Beispiel Hanau zeigt auch, dass sich Terrorismus keineswegs immer direkt gegen den Staat richtet. Gerade in Deutschland, wo die Geschichte der RAF die Wahrnehmung politischer Gewalt geprägt hat, ist das lange nicht klar genug erkannt worden. Man denke nur an das unendliche Leid der Opferfamilien des NSU, die jahrelang überhaupt keine Opfer sein durften. Für die Blindheit gegenüber dem Rechtsterrorismus spielte von Anfang an aber auch struktureller Rassismus eine Rolle – in den Reihen der Ermittler ebenso wie in den allzu unkritischen Medien. Nicht immer also zielt Terrorismus direkt auf den Staat, aber grundsätzlich auf eine bestimmte politische Ordnung: Auf eine demokratische, friedliche, diverse und tolerante Gesellschaft. Deshalb geht Terrorismus uns alle an, auch dann, wenn wir – wie im Falle rassistischer Gewalt – nicht alle gleichermaßen von ihm bedroht sind.

Terrorismus wird auf seine Wirkung in den Massenmedien hin geplant und ausgeführt. Deshalb müssen viele Opfer nicht nur mit dem urplötzlichen Einbruch extremer Gewalt zurechtkommen. Hinzu kommt oft das Gefühl, öffentlich exponiert und den Blicken der anderen völlig schutzlos ausgeliefert zu sein. Tatsächlich haben einige Medien und manchmal auch die Politik das Schicksal der Opfer benutzt, um damit ganz eigene Interessen zu verfolgen. Auch die ersehnte Gerechtigkeit ist schwerer zu erlangen, wenn es um die juristische Bewältigung von Taten geht, bei denen mit den Menschen auch die politische Ordnung selbst ins Visier genommen worden ist. Denn fast immer spielen dann vor Gericht auch staatliche Geheimhaltungsinteressen eine Rolle, die die Opfer als weiteren Schlag ins Gesicht empfinden müssen.

Überhaupt: Terrorismusopfer sind oft unbequem. Nicht nur für den Staat, den sie daran erinnern, dass er seiner Schutzfunktion nicht gerecht geworden ist. Auch für uns alle, weil sie uns die Verwundbarkeit moderner Gesellschaften und damit auch die Unmöglichkeit totaler Sicherheit vor Augen führen. Slogans wie „Je suis Charlie“ beschwören eine Solidarität, die doch immer durch die Sehnsucht der Mehrheit nach Normalität und Verdrängen gefährdet ist. „The Games must go on!“ hieß es in München, nicht nur nach dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft von 1972, sondern auch am Morgen nach dem Anschlag auf das

Oktoberfest acht Jahre später. Und auch nach Hanau war in den Karnevalshochburgen nur wenigen die Lust am Feiern vergangen. Sogar im Gebäude des trauerbeflaggten Deutschen Bundestags gab es zeitgleich zur Mahnwache am Brandenburger Tor eine Party bunt kostümierter Verwaltungsbeamt:innen.

Was bewegt vor diesem Hintergrund Hinterbliebene und Überlebende am meisten? Was wünschen sie sich von der Politik, was von uns allen? Leider können sie uns das heute nicht selbst sagen.

Immer wieder aber haben Betroffene in der Vergangenheit das riesige Aufmerksamkeitsgefälle zwischen Tätern und Opfern kritisiert. Eindringlich bitten sie uns darum, nicht immer wieder und immer nur über die Täter zu reden, damit die Kommunikationsstrategie der Terrorist:innen eben nicht aufgeht, damit es nicht ihr Name ist, der in Erinnerung bleibt. Diese Bitte hat inzwischen dazu geführt, dass zumindest die meisten traditionellen Medien heute kaum noch Fotos der Schuldigen zeigen und auch mit der Veröffentlichung ihrer Namen deutlich zurückhaltender geworden sind. Neben Respekt und Einfühlungsvermögen, die gerade im Internet alles andere als selbstverständlich sind, beanspruchen Opfer in erster Linie Zugang zu allen relevanten Informationen. Auch solche Akten und Schriftstücke sollen eingesehen werden können, die staatliches Versagen, womöglich Verstrickung dokumentieren. Mit dieser Forderung sind sie unterm Strich wohl weit weniger erfolgreich gewesen. Auch aus wissenschaftlicher Sicht ist das zu beklagen.

Das halbe Jahrhundert, mit dem die Bundesrepublik nun schon mit und trotz terroristischer Gewalt zurechtkommen muss, kann aus der Perspektive der Opfer jedenfalls nicht als glatte Erfolgsgeschichte oder gar als Heldenepos der wehrhaften Demokratie erzählt werden. Es ist eine Geschichte mit vielen Um- und Irrwegen, mit Leerstellen und Schattenseiten; die Geschichte eines nur mühsam lernenden Gemeinwesens, das ganz sicher noch nicht ausgelernt hat. Hören wir den Opfern also zu! Erkennen wir an, dass sie ein besonderes Leid getroffen hat, für das wir als Gesellschaft die Verantwortung übernehmen müssen. Begreifen wir, dass es keine Hierarchie der Opfer geben darf! Inner- und außerhalb der staatlichen Institutionen brauchen wir mehr Menschen, die bereit sind, auch nach dem Versagen von Verfassungsschutz und Polizei zu fragen. Menschen, die schnell und unbürokratisch helfen wollen, auch finanziell. Vor allem aber brauchen wir Menschen, die nicht vergessen wollen, was durch Terrorismus unwiederbringlich verloren und niemals wiedergutzumachen ist. Denn die Opfer selbst können es nicht vergessen.

Petra Terhoeven

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